Warum der Grüne Baum die älteste Gastwirtschaft in Bad Waldsee ist

Zusammenfassende Gasthausgeschichte des Grünen Baum, von Michael Barczyk, Stadtarchivar Bad Waldsee

Weit verbreitet ist der Glaube, anno dazumal hätten die Leute sich nicht politisch artikulieren oder demokratisch ihr Leben gestalten dürfen. Doch die Dorfordnungen und Stadtrechte des Mittelalters sprechen eine andere Sprache. Überall war es nämlich üblich die eigenen Angelegenheiten und Streitfälle durch gewählte Schöffen und Richter selbst entscheiden zu lassen. (Am Rande sei vermerkt, dass sich der Familienname Bischof von solch' einem Bi-Schöffen (also Beischöffen oder Beisitzer) ableitet).

Im frühen Mittelalter trafen sich die Menschen um einen grünen Baum, meist einer Linder oder Eiche, um "Klagfälle" zu besprechen. Das gemeinsame Essen und Trinken gehörte als Ritual dazu. Mahl halten bedeutete auch auf der Malstatt Gericht zu halten. So wie heute Arbeitsessen Verhandlungen besiegeln.

geschichte gruener baumUnsere Abbildung aus einer Schweizer Chronik belegt das "Arbeitsessen" und die Ratssitzung unter einem grünen Baum.
Wegen der Unbill des Wetters und der Bequemlichkeit des Menschen entstanden im späten Mittelalter anstelle eines grünen Baums Gasthöfe; die Wirtsstube war das Gerichtszimmer geworden.

Mit Zunahme der Verwaltungsaufgaben, vor allem durch den Handel, mussten einige Ratshäuser geschaffen werden. In Waldsee wurde erst 1462 eines erbaut. Die Baumwirtschaft bleibt natürlich bestehen und dient nun als "Nach-Sitzung". Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Malstätten bezogen sich immer auf interne niedergerichtliche Verhandlungen (heute entsprechend einem Amtsgericht), die hochgerichtliche Verfahren wurden natürlich vom Stadtherrn, dem Erzherzog von Österreich, geahndet. Aber Waldsee hat 1434 das Privileg erhalten, auch die Hohe- oder Blutgerichtsbarkeit auszuüben.

Das heutige Gebäude des Grünen Baums stammt nicht aus dem Mittelalter, es ist ein Nachfolgebau. Das Haus wurde Ende des 17. Jahrhunderts (1673) auf den Grundmauern eines früheren erbaut.
Die wunderschöne Kassettendecke aus dem Ende des 16. Jahrhunderts belegt dies. Sie ziert heute das Bürgermeisterzimmer im Ratshaus.

Selbstverständlich hat früher jedes Wirtshaus sein eigenes Bier gebraut. Die alte Mälze beim Grünen Baum zeugt noch davon. Bier war ab 1500 geradezu ein Volksgetränk, bis es dann im 19. Jahrhundert vom Most abgelöst wurde. Allerdings braute man in den Gasthöfen weiterhin Bier, vorrangig obergäriges, dunkles Weizenbier. Aber auch diese Tradition fiel dem Brauereisterben des 20. Jahrhunderts zum Opfer. Und wir können froh sein, dass es den Grünen Baum noch gibt, eine der 25 Wirtschaften in der Barockzeit "um den Stock herum", die heute die Tradition aufrecht erhält.

Der Besitzer, die Familie Schmidinger, kam vor Generationen aus Bergatreute, einem Dorf unweit von Bad Waldsee. Dorthin war sie nach dem 30-jährigen Krieg aus Vorarlberg, genauer aus Rankweil, im Zuge der Neubesiedlung in das entvölkerte Oberschwaben gezogen. Überall war dies eine Konjunkturspritze. Nur heute weiß dies niemand mehr.